Auf ein Wort

Spreng1SEELSOGE AM KRANKENBETT



Ein Erfahrungsbericht von Pfr. Walter Steinmaier

 

Ein Angebot

Guten Morgen! Ich bin Pfarrer fürs Kranken­haus. Wenn Sie möchten, würde ich Sie besuchen!“ So stelle ich mich vor. Wenn der Patient oder die Pat­ientin zustimmt, was die aller­meisten tun, be­grüße ich mit Handgeben. Ich nehme mir einen Stuhl und setze mich zum Bett. Dann frage ich „Wie geht es Ihnen?“

Unser Dienst als Klinikseelsorger ist mei­st­ens aufsuchend, d.h. wir wählen eine Station aus und bieten von uns aus den Besuch an. Wir können damit aber nur einen Teil der Patienten errei­chen. Besteht ein ausdrücklicher Besuchs­wunsch, muss er uns deshalb bitte mitgeteilt werden.


Der Stein auf dem Herzen

Die Klinikein­weisung und erst recht eine schwere Erkrankung legt sich wie ein Stein aufs Herz. Der Mensch fühlt sich fremdbestimmt, wird zum Objekt eines Geschicks, das ihn unge­fragt trifft. Vorübergehend oder auch schick­sal­­haft verän­dert es sein Leben. In gewisser Weise wird er auch zum Objekt der Maß­nahmen und der unge­wohnt­en Umstände in der Klinik, denen er sich in der Hoffnung auf Hilfe unter­ziehen muss. „Was will ich machen? Ich muss es nehmen.“ So formulieren die Patienten oft ihre Situation. Erfährt ein Kranker dann Besserung oder Genes­ung, darf er sich wieder mehr als selbst bestim­m­ter Mensch sehen. Der Stein fällt vom Herzen oder wird wenigstens leichter.

KHS-KapelleDass der Patient darüber ent­scheidet, ob er meinen Besuch möchte, ist Höflichkeit und mehr. In Medizin und Pflege spricht man heute von der Auto­nomie des Pat­ien­ten. Gemeint ist, dass nicht über ihn ver­fügt wird, sondern dass er als Partner mit entscheidet und ernst zu nehmen ist. Seelsorge hat ohnehin dieses Ziel, den Mensch­en in seinem Selbstsein, seinem Ich zu stärken. Nur so kann er in uner­wünschten Um­ständen eine passende Haltung entwickeln.


Was der Patient oder die Patientin braucht

Arzt oder Ärztin und Pflegekräfte bleiben bei der Visite am Bett stehen. Durch mein Platz­neh­m­en auf dem Stuhl wird klar: Der Seelsorger ist jetzt ganz da, er bringt Zeit und Aufmerksamkeit mit. Umge­kehrt be­deutet es, den Besuch recht­­zeitig und oft auch bald zu be­en­den. Es kommt nicht auf die Dau­­er an, sondern darauf, dass sie dem aktu­ellen Be­­darf an­ge­mess­en ist. Da kann es z.B. sein, dass ein Gespräch im Moment nicht mög­lich ist, weil jemand sehr müde und schwach unter seiner Decke liegt. Doch er oder sie beant­wortet meine Frage: Soll ich vielleicht ein Gebet für Sie sprechen?“ mit „Ja, gerne!“

Mancher versteht Seelsorge als Zuspruch mit wohlge­­meinten guten oder auch fromm­en Wor­ten. Solche „Aufmunterung“ hat auch ihr Recht, doch der Kranke erfährt sie ohnehin durch Be­sucher oder Klinikpersonal. Eine Rolle spielt dabei auch, dass wir Gesunden uns unbewusst selbst damit aufmuntern oder schützen ange­sichts des Leids, das wir alle lieber von uns fern halten möchten.


Zwei offene OhrenKHS-Fürbittkerze

Mit der Eröffnungsfrage „Wie geht es Ihnen, Frau N?“ rückt jedoch die Patientin selbst in die Mitte. Dem entspricht, was A und O von Seel­sorge ist, nämlich zuzuhören. Das klingt fast banal, das kann doch jeder, denken wir. Doch wer hört wem wirklich zu? Ohne ins Wort zu fallen, ohne gleich Eigenes vorzubringen, ohne zu belehren, zu informieren, zu diskutieren? Und wer ist bereit zu hören, was wir sonst nicht erzählen? Nicht, weil es ein großes Ge­heim­nis ist, sondern weil einfach kein offenes Ohr dafür da ist. Ein Kranker merkt schnell, was er mit wem und wann besprechen kann. Und es ist so wichtig für ihn, denn Erzählen und Anteilnahme erleichtert, ja fördert die Heilung an Leib und Seele.

Durch die eigene Erzählung seines Krankheits -und Thera­pie­­verlaufs, seiner Lebensumstände und oft auch seines Le­bens­­weges, gewinnt der Mensch wieder ein Stück seiner selbst zurück. Er hat ja die Auf­ga­be, die Realität und die Vor­stell­ung von sein­em Leben erneut auszu­ba­lan­c­ieren.

Besuch und Anteilnahme durch Angehörige sind entscheidende Hilfe. Anderer­seits tun wir uns gerade als Angehörige manch­mal schwer mit Zuhören, mit Akzeptieren und einem offenen Ge­spräch. Als Seelsorger sind wir nicht be­troffen wie Ange­hörige. Wir befinden uns auch nicht auf der sach­lichen Ebene der Medizin oder Pflege. Dies ermög­licht eine andere Art von Nähe. Womit ein Mensch im Kontakt vorsichtig ist und zurück­haltend, kann ungehindert zum Thema wer­den.


Starke Gefühle

Dankbarkeit für Besserung und Freude über Entlassung kommen leicht aus dem Herzen. Doch die Zeit im Klinikbett ist auch mit anderen Gefühlen verbunden: Ärger und Enttäuschung über Rück­­­schläge oder Kompli­kationen. Angst, wie es wei­t­er­­geht. Die Unge­­rechtigkeit des Le­bens er­tra­g­en müssen. Trauer über Verlust der körper­lichen Unver­sehrt­heit oder Verlässlich­keit. Ver­zicht auf Selbständigkeit im Alter. Auf Hilfe angewiesen sein müssen. Das Ende des Lebens bedenken und betrauern müssen.

Ziel der Seelsorge ist, dass ein Raum des Ver­trauens und der Akzeptanz entsteht, in dem der Mensch seine Maske, die ihm sonst hilft und die er gewohnt ist, ablegen oder auch nur ein wenig lockern kann. Hier kann er ehrlich sein, Spann­ung und Druck lassen nach. Tränen, seelischer Schmerz oder starkes Gefühl darf abfließen. Die Beutel am Leib der Patienten zeigen, wie nötig solches Ab­fließen ist. Die Eingangsfrage „Wie geht es Ihnen?“ führt mit dem Verlauf des Ge­sprächs zum wahren Befinden.


KHS-FürbittbuchWas hilft und trägt

Wenn dann Belastendes genügend aus- oder angespro­chen ist, kommt in der Regel ebenso das Hilf­reiche, Ermut­igende und Stärkende zu Wort. Nicht durch den Seelsorger, sondern durch den Patien­ten oder die Patientin selbst. Die Art des Zuhörens aber hat dazu bei­ge­tragen, dass ein Mensch dann z.B. sagt: „Na ja, irgend­wie wird es schon werden!“ Oder: „Der liebe Gott hat mir schon oft gehol­fen, der wird es schon recht machen!“ Oder: „Ich merke, auf meine Familie ist Verlass!“ Diese Zuversicht ist dann keine Fertig­wahrheit, sondern Licht­strahl, der aus dem Dunkeln wieder neu aufleuchtet. Vielleicht ist es keine neue Erkennt­nis, aber für diesen Menschen das Bewährte, die Strategie, die gerade jetzt  wieder wichtig ist. Darf er es anderen erzählen, stärkt es ihn selbst.


Gott ist fern und nah

Und wie steht es mit Gott in der Seelsorge? Er selbst ist schon im Zimmer. Durch mein Komm­en als Pfarrer rückt er aber mehr in die Mitte. Im Gespräch ist er meistens gar kein großes Thema. Und Seelsorge predigt nicht. Doch die Seele des Patienten fragt nach ihm und er nach ihr. Und es geht um beides, seine Ferne und seine Nähe. In Angst oder Trauer, in Sorge oder Beschwer­den und in der Endlichkeit unseres Lebens, rückt Gott uns fern. Und doch will er uns gerade da na­­he sein. Dieses Paradox löst die Seelsorge nicht auf. Es bleibt als Spannung und wird gerade so zum Raum und zur Führung für den inneren Weg des Men­schen.

Dankbarkeit für Hilfe und Genesung ist eine Frucht dieses Weges. Durchstehen oder Durch­leiden aber heißt, sich festzuhalten am Ver­sprechen der Hilfe, wie sie von Gott kommt. Aufgabe der Seel­­sorge ist es, darin den Kranken achtsam und respekt­voll zu beglei­ten. Auch in der Ergebung am Ende unheilbarer Er­krankung samt Ohnmacht und Trauer. Dass die Medizin heute stärk­ste Körperschmer­­­­­­zen oder anderes wirk­­­­­sam be­kämp­fen kann, ist dabei eine große Hilfe.


Die Hände falten 

Am Ende der meisten Besuche spreche ich nach Zustimmung des Patienten ein Gebet. Manche hoffen ohnehin darauf. Im Religions­unter­richt habe ich den Kindern gesagt: „Der liebe Gott zaubert nicht!“ Das heißt hier, er bedient sich der Klinik. Er gebraucht die Mühe, die Sorgfalt und die Kom­pe­­tenz ihrer Fach­kräfte. Das Gebet am Kranken­bett ist des­halb Bitte für das Gelingen der Thera­pie und Besse­rung der betende HändeBeschwerden. Es ist Bitte um Geduld, um Gottes Kraft für Leib und Seele. Und es ist Dank für Hilfe, Besserung oder Heil­ung. Auch besondere Punk­­te aus dem Gespräch werden darin aufge­nommen.

Mit Evangelischen bete ich manch­mal den Psalm 23. Immer folgt das Vater­unser. Es ist die Brücke, die Christus uns zum Vater im Himmel und auch zueinander gegeben hat. Diese schlich­te An­dacht endet mit dem Segen, in den ich als per­sön­lichen Zuspruch den Namen des Patienten einfüge. 

Im Klinikgottesdienst am Samstagabend hat außer der Fürbitte für die Patienten auch die Fürbitte ihren Ort für Pflegekräfte, Ärzte und alle weiteren Dienste.


Wir Seelsorger

Was nun umgekehrt uns selbst als Seelsorgern hilft und ermutigt, ist die Dankbarkeit der Pa­tien­t­­en. Auch das Wissen, dass wir nicht Eigen­es tun oder weiter­geben, sondern dass Segen, Heilung und Heil des Menschen Gottes Werk sind.

Wichtig sind weiter: Die kollegiale Zusammen­arbeit mit den vielen anderen in der Klinik Tätig­en. Das Teamwork mit meinem katholisch­en Kollegen Franz Grulich, auch die Anbindung an die Kir­ch­en­gemeinde St. Johannis, das Kolle­gi­­um und den Kirchenvorstand. Aufrichtiger Dank gebührt den Ehrenamtlichen in der Klinik­seel­sorge: Frau Ger­traud von Lips und Frau Anita Brünig von evangelischer, Frau Frau Do­ro­thea Richter und Frau Rosa Schweiger von kathol­i­scher Seite. Wenn ich Ende Oktober in Ruhe­stand gehe, wird die Seelsorge am Klini­kum und der Rangau­klinik als künftige halbe Stelle ver­bunden mit der halben Pfarrstelle Werns­bach. Ebenso miteinem Viertel der Pfarr­stelle Groß­haslach.

Wenn Sie Fragen haben oder konkreten Bedarf an Klinikseelsorge, rufen Sie mich bitte an unter 65251. 

Ihr Pfr. Walter Steinmaier









Lämmchen, missglückt

Als Rentner und Hobby-Ornithologe bin ich oft am Scheerweiher, lerne dort von den Schäfers und von Harro Werner viel über Grasmücken und Rohrweihen, Kibitze und Bekassinen und andere Vögel.

Vorgestern hörte ich auf einer morgendlichen Streiftour in der Nähe der Scheermühle ein ziemlich 

Lämmchendünnes, klägliches "Mäh", immer wieder, und fand dann unter einem Busch ein ganz junges Lämmchen, allein, es hatte seine Herde verloren, vor allem seine Mutter, und den Schäfer. Ich fuhr mit dem Rad einmal um den Weiher herum, durch Neudorf und Dornberg, und fand die Herde, über Nacht eingepfercht unterhalb vom "Himmelreich", einem hügeligen, baumreichen  Gartengelände zwischen Dornberg und dem Scheerweiher, auf einer grünen Wiese an der Schilfkante. Den Schäfer fand ich nicht, ich wollte ihm ja sagen, dass dort, am anderen Ende des Weihers, ein ganz junges Lämmchen "verloren" herumstand. 

DerHirteAlso weiter wieder zum Lämmchen, das dort immer noch jämmerlich mähte. In der Satteltasche wollte es nicht bleiben. So nahm  ich es unter den Arm und fuhr um den halben See herum wieder zur Wiese unter dem "Himmelreich", mein Arm tat mir weh. Ich näherte mich dem Pferch, die Umzäunung bestand nur aus einem Nylongeflecht (wie ich nahcher erfuhr, durchaus unter Strom), hob das Lämmchen über den Zaun und setzte es dort innerhalb der Umzäunung ab. Mit ganz staksigen Beinen stand es da und versuchte das Gleichgewicht zu halten. Unterernährt und hungrig und durstig und ganz von Kräften schien es mir zu sein. Die anderen Schafe - da waren vielleicht 300 Stück im Pferch, die meisten erwachsen, auch einige Lämmer, aber keins so klein wie "meins" - die anderen Schafe waren zuerst von uns ein paar Schritte zurückgewichen, jetzt, wo ich außerhalb des Zauns ein paar Schritte zurücktrat, näherten sie sich langsam dem Lämmchen, berochen es, schubsten es herum, entfernten sich wieder (ich dachte: Die wollten wissen, ob das Lämmchen etwas mit ihnen zun hätte), andere kamen und schnupperten, schubsten, manche ziemlich grob, so daß das Lämmchen öfter zu Boden fiel, hin und her. Mein weiches Städterherz konnte das nicht ertragen, ich stieg wieder hinein, hob das Lämmchen hoch und aus der Umzäunung heraus und stellte es nun draußen hin der Herde gegenüber. Die stand und glotzte: Auf's Lämmchen, auf mich. Das Lämmchen schaute abwechselnd zu den Schafen und zu mir, lief dann wackelig zu mir, schnupperte an meinen Hosenbeinen herum, schubste mich an Schienbein und Waden ganz ordentlich, suchte etwas zum Trinken, ich war unbeholfen und schon ein wenig verzweifelt, weit und breit kein Schäfer zu sehen, wann fängt denn der an zu arbeiten, es war doch schon nach 10 Uhr...

Ich machte noch einen Versuch: Fuhr mit dem Rad nach Dornberg, fand eine alte Bäuerin und fragte sie, was sie mir raten könnte, wie dem Lämmchen zu helfen sei. Ich glaube, sie traute mir und meiner Geschichte nicht recht, sie hielt 20 Schritte Abstand, und ich hielt diesen Abstand auch gerne, denn ich traute ihrem Schäferhund nicht. Jedenfalls wußte sie auch nichts, was mir weiterhalf. Zurück zum "Himmelreich" und zum Pferch, die Situation unverändert und das Lämmchen gleich wieder an meinen Hosenbeinen. 

Herde

Mir war inzwischen ganz ungemütlich, und meine zwischenzeitlichen verklärten Gedanken an den kommenden Hirtensonntag und ich als guter Hirte mit dem verlorenen Schaf auf dem Arm waren längst verflogen. Schliesslich gab ich ganz auf und verliess ziemlich fluchtartig die Wiese und das "Himmelreich" und fuhr verstört nach Hause.

Natürlich liess mir das Ganze keine Ruhe, und gegen Abend fuhr ich mit dem Auto noch einmal hinaus, fragte Wanderer, ob sie die Schafherde gesehen hatten, ja, sagten sie, dort neben der alten Dornberger Straße... Die ist für normale Autos gesperrt. Aber irgendwie war ich doch jetzt im landwirtschaftlichen und Naturinteresse unterwegs, also fuhr ich langsam hinein. Dann sah ich sie, links von der Straße, mit Schäfer und Hund, und, vor mir auf der Straße, der Harro Werner, der Naturschutzwart, der Ranger, schon hatte er sein Fahrrad mitten auf der Straße quergestellt. Aber ich hielt ein wenig vorher beim Schäfer und erzählte ihm in kurzen Zügen die ganze Geschichte vom verlorenen Lämmchen. Nein, er habe es nicht gesehen, nicht ausserhalb des Pferches und auch nicht drin, die gestrigen Neugeborenen habe er gestern abend alle eingesammelt und nach Hause gebracht, und jetzt sei keins mehr hier bei der Herde. Ratlosigkeit. War es weggelaufen von der Herde? Vom Fuchs geholt? Sonst wie zu Schaden oder umgekommen? Aber jedenfalls wolle er mir sehr danken. Und der Harro Werner schimpfte mich jetzt auch nicht mehr.

Enttäuscht fuhr ich langsam nach Hause. Das Märchen vom verlorenen Schaf war diesmal nicht gut ausgegangen. Das war ja wohl auch nicht gemeint, Lukas 15, dass alle Geschichten von "Verlorenen" gut ausgehen. Viele finden aus ihrer Verlorenheit nicht heraus, viele werden nicht gefunden, werden stattdessen herumgeschubst und umgestoßen, stehen draußen herum, und viele gehen zugrunde, ganz in der Nähe oder weit weg vom Himmelreich. Manchmal fühle ich selber so. So ist es ein Stück Passionsgeschichte, anscheinend gar nicht passend zum Sonntag von der Barmherzigkeit des Herrn, vom Guten Hirten. Oder irgendwie doch: Hatten sie ihn nicht auch herumgeschubst und nach draußen befördert, endgültig? Und hatte er am Schluß nicht seinen Vater verloren? Wiedergefunden? Was widerfährt Jesus da? Der gute Hirte leidet für die Schafe... Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld... Ziemlich verworren, mein Kopf.

HPh

Die Fotos aufgenommen mit dem alten Handy 


                                                                                                                                    zurück zur Startseite