„Grüß Gott“ im Mai 2017

Pfarrerin Elisabeth Küfeldt

Pfarrerin Elisabeth Küfeldt

Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt. Kolosserbrief 4,6

Das ist ja ein steiler Satz! Allezeit freundlich – wer kann denn so was?!

Leicht fällt freundliche Rede ja z.B. in der Bäckerei: Ich verlange eine Butterbreze und einen Cappuccino – bekomme, was ich möchte, zwei freundliche Sätze dazu, alles gut. Das ist leicht.

Schwieriger wird’s schon beim Arzt: Ich verlange einen Termin, bekomme den erst in acht  Wochen, – da folgen eher zwei unfreundliche Sätze. Oder gar im Gespräch mit heranwachsenden Kindern; oder mit dem Arbeitskollegen, der so ganz anders denkt und arbeitet; oder …

Ganz zu Ende ist’s mit der freundlichen Rede aber oft, wenn die stressige Situation schon vorbei ist: Wenn wir unserem Ärger oder Frust freien Lauf lassen im Gespräch mit Gleichgesinnten. Was wird da gelästert, geschimpft, geurteilt.

Alles verständlich – aber mit welchen Folgen?! Die Fronten verhärten sich, das Gespräch bricht ab …

So soll es bei uns Christen nicht sein, sagt Paulus! Allezeit freundlich – das ist kein „Du hast recht und ich meine Ruhe“, auch kein „Ja und Amen“ zu allem (Un-)Möglichen, sondern durchaus herzhafte Rede, Stellung beziehen mit Kontur und Profil, eben „mit Salz gewürzt“. Und trotzdem freundlich! Auch mal unverdient freundlich zum unfreundlichen Gegenüber – im griechischen Urtext steht für „freundlich“ ein Wort, in dem „Gnade“ drin steckt.

Eine steile Forderung! Ganz bestimmt gut, aber so sehr das Gegenteil von dem, was von allein aus unserem Mund herausfällt. Da ist es gut, dass wir einen Gott haben, von dem es immer wieder heißt „denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich“ – von Seiner Freundlichkeit erwärmt und gesättigt, können wir immer wieder neu starten und Freundlichkeit weitergeben.

Das wünscht sich und Ihnen

Ihre Pfarrerin Elisabeth Küfeldt

Grüß Gott – von Pfarrerin Elfriede Raschzok

Pfarrerin Elfriede Raschzok

Pfarrerin Elfriede Raschzok

„Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.“ (Psalm 130,6)

Warten bis endlich der Heilige Abend da ist, der Gottesdienst gemeinsam besucht wurde und die Tür zum Weihnachtszimmer mit Krippe, Baum und Geschenken offen steht: Solches Warten in vorfreudiger Aufregung und Spannung haben wir mit unseren Kindern erlebt, als sie klein waren. So oder ähnlich erleben es Kinder mit ihren Eltern und Großeltern auch heute. Damit die Zeit des Wartens für die Kinder schneller vorüber geht, werden Tag für Tag ein Türchen oder Tütchen am Adventskalender geöffnet, vielleicht auch eine Geschichte auf dem Weg zu Krippe gelesen und gesungen: „Wir sagen euch an den lieben Advent,  … . Wir sagen euch an eine heilige Zeit, … Freut euch, ihr Christen, freuet euch sehr! Schon ist nahe der Herr.“

Im Kirchenjahresfestkreis ist die Adventszeit eine vielfältige Wartezeit. Die Kirchenfarbe „violett“ zeigt die Spannung, in der wir Christen auf Gottes Kommen warten.

Wir warten auf den Heiligen Abend, an dem wir Gottes Erbarmen in Jesus, dem Kind in der Krippe feiern und mit in den Jubelruf der Engel einstimmen.

Wir warten aber auch voller Sehnsucht, dass Jesus Christus wieder kommt und mit ihm Gott und diese Welt von Grund auf neu und heil macht. „Maranatha, komm Herr Jesus“, so der flehentliche Bittruf zu Jesus Christus seit der frühen Kirche. Oder mit den Worten von Friedrich Spee : „O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, … Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.“

Und wir bitten Gott, dass er jetzt, heute, durch seinen Heiligen Geist das dunkle Herz hell macht, dass Menschen unheilvolle Gedanken überwinden und einander zum Guten helfen. „Komm in unsere stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben. Überwinde Macht und Geld, lass die Völker nicht verderben. Wende Hass und Feindessinn auf den Weg des Friedens hin.“ So Hans von Lehndorff in einem Lied unserer Tage.

„Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.“

Die Worte aus Psalm 130 sind von großem Leid und zugleich von tiefer Hoffnung durchtränkt. Sie sprechen Menschen aus der Seele, die von Leibes- und Herzensschmerzen gebeutelt sind, von Selbstvorwürfen und Schuld, die auf ihnen lasten. In dieser Not schreien sie zu Gott und erwarten seine Hilfe: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens! Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen? Doch bei dir ist die Vergebung, damit die Menschen dir in Ehrfurcht begegnen.“ So die ersten Verse dieses Psalms. Er gehört zu den sieben Bußpsalmen (Ps 6; 32; 38; 51; 102; 130; 143), die in der christlichen Kirche schon seit dem 6. Jahrhundert als solche verwendet wurden.

Je mehr ein Mensch im Glauben Gott in seiner Treue und Jesus Christus in seiner Hingabe für ihn erkennt, desto mehr wird er die eigenen erlösungsbedürftigen Seiten wahrnehmen und Gott danken für sein Erbarmen in Jesus Christus, für den angebrochenen hellen Morgen in ihm.

„Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.“

Gott möge das wartende Herz beschenken mit seiner Gegenwart und im Gang zur Krippe das Heil seines Erbarmens schauen lassen.

Dorothee Sölle, die verstorbene evangelische Theologin, schreibt: „Es ist am Kreuz, wo wir das Licht zuerst sehen, nicht wenn wir geboren werden oder wenn wir das Meer oder die Sterne zum ersten Mal anschauen. Es ist am Kreuz, in der Mitte des Kampfes, wo wir das Licht erfahren und frei von unseren Ängsten werden. Die Last der Sünde, unsere Machtlosigkeit in der Entfremdung rollt von unserem Herzen; dort am Kreuz, wo Liebe gegen Gewalt kämpft, empfangen wir die Perspektive für unser Leben. Wir lernen uns als Kämpfende und als Leidende anzunehmen, das Licht ist bei uns.“

Ich wünsche Ihnen eine von Gottes Licht erfüllte Advents- und Weihnachtszeit,

Ihre Pfarrerin Elfriede Raschzok

Kanzelrede von Dr. Annekathrin Preidel am Reformationstag 2016

Präsidentin der Landessynode – Dr. Annekathrin Preidel. Foto: ELKB

Präsidentin der Landessynode – Dr. Annekathrin Preidel. Foto: ELKB

Kanzelrede der Präsidentin der Landessynode der ELKB Dr. Annekathrin Preidel

Reformationstag 2016 – St. Johannis/ Ansbach, Ansbach, 31. Oktober 2016

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit uns allen! Er, der da war, der da ist und der da kommt, öffne uns die Herzen und Sinne für das Wort seines Evangeliums! Amen.

Liebe Gemeinde!

Endlich ist es so weit! Wir biegen in die Zielgerade ein! Was 2007 begann und über zehn Themenjahre lang die Wirkungen der Reformation beleuchtete, mündet nun in das weltweit lang erwartete und vorbereitete Jubiläumsjahr.

Werfen wir einen Blick zurück an den Anfang des Reformationsjahrzehnts:

Es ist Ende Januar 2007. Der Rat der EKD hat zum Zukunftskongress nach Wittenberg geladen. Allerdings kann in der traditionsreichen Schlosskirche, kein Gottesdienst gefeiert werden. Zu sehr hat das Sturmtief „Kyrill“ sie gebeutelt. Eine Turmspitze und einige Balken sind ins Kirchendach eingedrungen. Dabei ist die Wittenberger Schlosskirche eigentlich sturmerprobt. Auch wenn die Wucht der Hammerschläge Martin Luthers am 31. Oktober 1517 durch protestantische Verklärung immer ohrenbetäubender wurde und der Thesenaushang selbst eine unspektakuläre Angelegenheit gewesen sein dürfte, so ist die Wittenberger Schlosskirche doch der Ort einer Weltbilderschütterung. In der für das Festjahr frisch renovierten und vor wenigen Wochen erst wieder eingeweihten Schlosskirche war der Lufthauch des Geistes der Veränderung erstmals spürbar. Er wurde zum Sturm und zum Rückenwind einer Kirche der Zukunft, die seither der Wind der Veränderung, der „Wind of Change“ antreibt, den die „Scorpions“ im Jahr 1989 an einem anderen Wendepunkt der Geschichte besangen.

Der Song „Wind of Change“ des Sängers Klaus Meine, die Hymne der Wende, ist eine der erfolgreichsten Singles aus deutscher Produktion. Vielleicht haben Sie die Melodie sogar im Ohr. Auch wenn sich die Schönheit des englischen Textes in der Übersetzung verliert, versuche ich dennoch, die faszinierendsten Passagen ins Deutsche zu übertragen.

„Take me / to the magic of the moment on a glory night“ hieß es in einer der einprägsamsten Zeilen des Liedes: „Führe mich / zum Zauber des Augenblicks / in einer Nacht der Herrlichkeit / in der die Kinder von morgen ihre Träume teilen / mit dir und mir / in der die Kinder von morgen sich hinwegträumen / im Wind der Veränderung / der der Zeit ins Gesicht bläst / wie ein Sturm / der die Glocke der Freiheit erklingen lässt / auf dass Friede werde / Friede des Geistes. / Führe mich / zum Zauber des Augenblicks / in einer Nacht der Herrlichkeit.“

Der Song der Scorpions ist ein Freiheitspsalm. Und die Hymne der Wende von 1989 ist zugleich eine Hymne der Reformation. Denn der Wind der Veränderung, der uns fünfhundert Jahre nach Luthers Thesenanschlag den Rücken für künftige Veränderungen stärkt, blies vor fünfhundert Jahren der damaligen Zeit und der damaligen Kirche ins Gesicht. Der Song „Wind of Change“ ist es also wert, in einer Kanzelrede am Reformationstag zitiert zu werden.

Lassen Sie mich aus gegebenem Anlass etwas pathetisch werden, damit der historische Augenblick des Reformationsjubiläums mit der Hymne der Wende zusammenstimmt: Auch die Hammerschläge an der Wittenberger Schlosskirche ließen die Glocke der Freiheit erklingen und die Kinder des Spätmittelalters sich hinwegträumen in eine neue Zeit der Kirche und der Gesellschaft. Der Geist der Veränderung wurde zum Motto der Reformation: Es galt und es gilt seit 1517, die Kirche immer wieder und immer neu zu verändern. Ecclesia semper reformanda!

Als evangelisch freie Christenmenschen und als Protestanten und Protestantinnen gegen eine Kirche, welche die Zeichen der Zeit verschläft, halten wir viel auf dieses Motto. Ecclesia semper reformanda! Das bedeutet aber auch gleichzeitig, immer wieder auch zum Stein des Anstoßes zu werden, denn Veränderung geschieht nicht von selbst. Sie muss angestoßen werden, damit der Stein ins Rollen kommt und – um Martin Luther zu zitieren – „den Himmel (zu) stürmen und die Welt in Brand (zu) setzen.“ In Brand: mit dem Feuer des Evangeliums, dessen Flammen uns nicht zerstören, sondern uns spüren lassen, dass Gott – wie Luther gesagt hat – ein glühender Backofen voller Liebe ist.

Aber seien wir ehrlich zu uns selbst: Ist uns dieser Geist der Dauerveränderung nicht zu riskant und zu anstrengend?

Nimmt er uns nicht sämtliche Stabilität und Sicherheit?

Wäre es nicht fünfhundert Jahre nach der Reformation für die Kirche an der Zeit, den Menschen wieder eine spirituelle Heimat und geistliche Geborgenheitsräume zu geben?

Sollte also das Motto einer Kirche des Gottvertrauens nicht vielmehr sein: Ecclesia semper idem? Kirche immer gleich und allzeit dieselbe statt Kirche immer neu? Wäre das nicht menschenfreundlicher und evangelischer und wirklich eine gute Nachricht für eine christliche Kirche, die mit Traditionsabbrüchen und Kirchenaustritten zu kämpfen hat und deren Mitglieder sich manchmal nach dem guten alten christlichen Abendland zurücksehnen?

Wem der Wind of Change all zu heftig ins Gesicht bläst, kann ja durchaus auf den Gedanken verfallen, ihm den Rücken zuzukehren, eine Kehrtwende zu vollziehen und sich auf den Rückweg zu machen

Das Wesen der Reformation, liebe Gemeinde, besteht darin, dass sie den Geist der Veränderung und den Geist der Rückkehr zum Urvertrauten verbindet! Es wäre ein krasses Missverständnis, die Kirche der Reformation als Kirche zu verstehen, die ihr Fähnchen unentwegt nach dem Wind hängt, jedem Zeitgeist hinterher rennt und ihre Mitglieder unter permanenten Veränderungsstress setzt. Als wäre Veränderung ein Wert an sich! So sehr die Reformatoren spürten, was an der Zeit war, so sehr verdankt sich ihre Geistesgegenwart der Sensibilität für den Geist Jesu Christi. Die Reformatoren wurden dadurch zu Hebammen einer neuen christlichen Kirche, dass sie sich auf das uralte Wort Gottes zurückbesannen, dass der Gerechte aus Gnade lebt und dass wir wie Bäume, gepflanzt an Wasserbächen, in Gottes Wohlwollen wurzeln, aus dem uns nichts und niemand herausreißen kann.

Als Martin Luther seine geistliche Identität gefunden hatte, weil er sich in der Unerschütterlichkeit der Barmherzigkeit und Liebe Gottes geborgen wusste, konnte ihn nichts mehr erschüttern. Durch die Lektüre des Evangeliums ging ihm das Licht der Liebe Jesu Christi, des Herrn der Kirche auf. Und so verlor er seine Angst vor den Herren der Kirche, vor den Herren der Welt, vor Tod und Teufel:

„Und wenn die Welt voll Teufel wär / und wollt uns gar verschlingen, / so fürchten wir uns nicht so sehr, / es soll uns doch gelingen. / Der Fürst dieser Welt, / wie sau’r er sich stellt, / tut er uns doch nicht; / das macht, er ist gericht’: / ein Wörtlein kann ihn fällen.“

Jesus Christus, derselbe gestern, heute und in Ewigkeit ist der Motor und der Grund aller Veränderung der Kirche. Weil er der Rückenwind seiner Kirche ist, kann sie getrost in Richtung Zukunft gehen, auch wenn ihr der Wind der Veränderung noch so sehr ins Gesicht bläst und noch so sehr zu schaffen macht. Und weil er, Jesus Christus, der Rückenwind seiner Kirche ist, muss sie sich immer wieder verändern, darf aber auch getrost sein, dass sie in diesen Veränderungen nicht allein ist. Wenn sich die Kirche wirklich von Christus antreiben lässt, muss sie sich immer wieder selbstkritisch fragen, ob sie sich nicht durch den Erhalt liebgewonnener Strukturen und Gewohnheiten vor ihm und vor dem Windhauch seines Geistes in Sicherheit zu bringen sucht. Es könnte ja sein, dass eine Kirche, die sich selbst genügt und getreu dem Motto „Das haben wir schon immer so gemacht!“ handelt, gerade nicht die Kirche Jesu Christi ist. Also: die wahre Veränderung der Kirche geschieht nicht um des Prinzips Veränderung, sondern um Christi willen. Jesus Christus ist das Prinzip einer Kirche, die, wenn es an der Zeit ist, immer wieder neu werden und sich auf ihren uralten, tragenden Grund zurückbesinnen muss. Aber auch Letzteres heißt nicht, dass die Kirche Traditionen um der Traditionen willen pflegen darf. Bekanntlich ist Tradition nicht die Anbetung der Asche, sondern die Bewahrung des Feuers – im Falle unserer Kirche die Bewahrung des Feuers des Geistes Gottes, der die Welt verändert.

„Ja, aber …!“ Schaffen wir das wirklich? Ist so viel Veränderung wirklich gut für uns? Lauern nicht zu viele Gefahren in der Zukunft? Wo kämen wir denn da hin, wenn wir zu viel riskieren und uns so sehr für fremde und ungewohnte Gedankenspiele begeistern, dass wir Kirche neu denken? Wo kämen wir denn da hin, wenn wir vorausdenken statt nachtrauern würden und uns nicht als Kirche im Sinkflug begreifen, sondern zu Höhenflügen der Hoffnung ansetzen? Wo kämen wir denn da hin? Wer weiß, vielleicht kämen wir mitten ins Reich Gottes! Vielleicht würden wir, wenn wir Christinnen und Christen aus Gottvertrauen furchtlos geworden wären, unserem Namen und dem Namen Jesu Christi endlich alle Ehre machen!

Vor einigen Monaten kam die Kirchenleitung unserer Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zu einer Konferenz in der Evangelischen Akademie Tutzing zusammen. Es war der offizielle Start für den Zukunftsprozess unserer Landeskirche. Wir begannen, darüber nachzudenken, wie wir als Kirche aus unserer spirituellen Mitte heraus den Herausforderungen der Zukunft begegnen könnten. Denn als Kirchenleitung hatten wir beschlossen, inmitten der fetten Jahre an die mageren Jahre zu denken und kreativ zu werden, solange es noch Spielräume dafür gibt.

Die Tutzinger Tagung wurde trotz vieler Fragezeichen und trotz großer Unsicherheit, auf welchen Weg wir uns da als Kirchenleitung begeben würden und ob da nicht etwa Steine im Weg liegen würden, an denen wir uns stoßen könnten, zu einem inspirierenden Ereignis.  Ich fühlte mich in Tutzing in die alttestamentliche Erzählung aus 4. Mose 13 hineinversetzt. Moses sendet in der Wüste Kundschafter aus, um das Land Kanaan zu erkunden, das Gott den Israeliten versprochen hat. Er gebietet: ihnen: „Geht über die Berge und seht euch in dem neuen Land um! Berichtet uns über die Zukunftsaussichten und die Lebensgrundlagen dort!“ Als die Kundschafter zurückkehren, bringen sie zum Beweis für die Fruchtbarkeit dieses Landes Früchte mit: Trauben, Granatäpfel und Feigen. „Vor uns“, so sagen sie, allen voran Kaleb, „liegt wirklich ein Land, in dem Milch und Honig fließen!“ Aus einigen wenigen Früchten schließen die Israeliten auf ein paradiesisches Land! Das nenne ich Gottvertrauen! Die Kundschafter hätten ja auch ganz anders denken und sagen können, im Land Kanaan lauere nur Gefahr, und mehr als eine lausige Weinrebe, ein paar erbärmliche Früchte und den sicheren Untergang gebe es im Land der Zukunft Israels nicht zu holen. Sie hätten gemäß der Logik des „Ja, aber …!“ argumentieren und sagen können, sie seien zwar mit heiler Haut von ihrer Expedition in die Zukunft zurückgekehrt, aber das ganze Vorhaben sei doch zum sicheren Scheitern verurteilt. Und in der Tat berichtet 4. Mose 13, 31 bis 14, 2 denn auch von dem großen Murren, das sich im Volk erhebt und das ja auch uns nicht ganz fremd ist, die wir manchmal skeptisch in die Zukunft blicken und vom Gedanken beschlichen werden: „Wir schaffen das nicht.“ Auch die Männer, die mit Kaleb ins verheißene Land hinaufgezogen waren, sagen: „Wir schaffen das nicht.“ In der biblischen Erzählung sprechen sie voller Angst und Resignation: „Wir vermögen nicht hinaufzuziehen gegen dieses Volk; denn sie sind uns zu stark.’ Und sie brachten über das Land, das sie erkundet hatten, ein böses Gerücht auf unter den Israeliten und sprachen: ‚Das Land, durch das wir gegangen sind, um es zu erkunden, frisst seine Bewohner, und alles Volk, das wir darin sahen, sind Leute von großer Länge. Wir sahen dort auch Riesen, und wir waren in unseren Augen wie Heuschrecken und waren es auch in ihren Augen. Da fuhr die ganze Gemeinde auf und schrie, und das Volk weinte die ganze Nacht. Und alle Israeliten murrten gegen Mose und Aaron, und die ganze Gemeinde sprach zu ihnen: ‚Ach, dass wir in Ägyptenland gestorben wären oder noch in dieser Wüste stürben!“ So, liebe Gemeinde, entstehen Dämonen. Die Dämonen, gegen die Martin Luther kämpfte und nach denen er sein Tintenfass warf. So entstehen die Dämonen, die uns den Mut zum Leben nehmen und uns den Atem rauben. So entsteht das Gefühl, dass uns ein Sturm ins Gesicht bläst, dem wir nicht zu trotzen vermögen, weil wir inmitten seines Tobens kaum mehr Luft holen können.

Obwohl Raum für Neues ist, obwohl vor uns ein Land liegt, das vielleicht üppige Früchte trägt, lassen wir alles beim Alten. Wir erzählen die Geschichten des „Ja, aber …!“ und treiben uns so lange den Mut aus, bis unser negatives Denken zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird.

In Tutzing ging es den Mitgliedern der Kirchenleitung anders. Es gelang uns, von den Geschichten des „Ja, aber …!“ zu schweigen und uns an den jenen Kundschaftern des 4. Mosebuches zu orientieren, die ihr Glaube andere Geschichten erzählen und eine andere Logik der Dinge erkennen ließ.

Wir spürten einen Hauch des Wind of Change der Scorpions, welcher auch bei dem Theologen Karl Barth, dem Mitverfasser der Barmer Theologischen Erklärung von 1934, die wir als bayerische Landeskirche uns gerade neu vergegenwärtigen, hörbar ist. Er hat in einer Vorlesung des Jahres 1946 die Aufgabe der Verkündigung des Evangelium beschrieben: Verkün­diget das Evan­gelium aller Kreatur!‘ Die Kirche läuft wie ein He­rold, um die Bot­schaft aus­zurichten. Sie ist“, so Karl Barth, „nicht eine Schnecke, die ihr Häuslein auf dem Rücken hat und der so wohl darin ist, dass sie nur dann und wann ihre Fühler ausstreckt und dann meint, nun sei dem ‚Öffentlichkeitsanspruch‘ Ge­nüge getan! Nein, die Kir­che lebt von ihrem Heroldsauftrag … Wo Kir­che lebt, da muss sie sich fra­gen lassen, ob sie diesem Auftrag dient oder ob sie Selbstzweck ist? Ist das Zweite der Fall, dann fängt es in der Regel an, ‚sakral‘ zu schmecken, zu frömmeln, zu pfäffeln und zu muffeln. Wer eine feine Nase hat, der wird das riechen und schrecklich finden! Das Chri­stentum ist nicht ‚sakral‘, son­dern in ihm weht die frische Luft des Gei­stes. Sonst ist es nicht Chri­sten­tum. Es ist eine ganz und gar ‚weltli­che‘ Sache: offen zur Mensch­heit hin …  Es geht um etwas Größeres als um un­ser bisschen Predigt und Liturgie. Es geht um die Hoffnung auf das Reich Gottes. Neben dieser christlichen Hoffnung, die das Re­volutio­närste ist, was man sich denken kann, sind alle anderen Revolutionen nur Platz-Patrönchen.“

Es geht also, liebe Gemeinde, um etwas Größeres als um Kirchenleitung, Kirchenverwaltung und Kirchenerhaltung. Es geht um Jesus Christus. Er allein, nicht Reformen oder Reförmchen, ist unsere Hoffnung. Er, der Auferstandene, ist unsere Zukunft. Er gibt uns Mut! Mut zur Hoffnung und Mut zur Veränderung!

Und war dieser Mut zur Veränderung nicht auch unlängst spürbar, als im Sommer letzten Jahres viele ihren Augen nicht trauten und sie sich selbst nicht wiedererkannten, weil ihnen die Not der Menschen, die aus ihren Heimatländern vor Krieg und Gewalt zu uns flohen, näher war als ihre eigenen Vorurteile? Da war er plötzlich, der „Wind of change“!  Da gelang es unserer Kirche unbürokratisch, spontan und flexibel zu sein. Ehe unsere Bundeskanzlerin „Wir schaffen das!“ propagierte, sagten wir: „Wir schaffen Herberge!“ Die Synode stellte außerordentlich Haushaltsmittel zur Verfügung und die sogenannte AG Herberge sorgte aufmerksam für die effektive Verwendung dieser Mittel. Da ging es nicht nur um ein Dach über dem Kopf, sondern um das Öffnen von Türen, um Begleitung und Geborgenheit. Die ehrenamtlichen Unterstützernetzwerke wurden gestärkt. Vielen Menschen wurde und wird geholfen. Es geht doch!

Halten wir also unsere Nasen und Sinne auch weiterhin in den Wind der Veränderung. Er weht uns nicht fort von allen sicheren Häfen, sondern in die Arme Jesu Christi!

Möge dieser Jesus Christus uns zum Zauber Magie des Augenblicks und in Nächte und Tage der Herrlichkeit führen, in denen die Kinder von morgen ihre Träume teilen mir dir und mir, in der die Kinder von morgen sich hinwegträumen im Wind der Veränderung, der der Zeit ins Gesicht bläst wie ein Sturm, der die Glocke der Freiheit erklingen lässt, auf dass Friede werde, Friede des Geistes, Friede auf Erden.

Und dieser Friede, der Friede Gottes, der höher und tiefer ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Grüß Gott für Dezember-Januar

IMG_8670-weihnachtssterneAdvent bei Josef in Nazareth – Vergessen Sie alles, was Sie vom Advent erwarten oder meinen, erwarten zu müssen:

  • Freude auf das göttliche Kind? Sehr durchwachsen! Vom Zweifel durchzogen, ob das Kind soo göttlich ist…
  • Ruhige Stunden im Kreis der Familie? Wie denn, in einem Handwerkerhaushalt! Schon gleich, wenn dieser unselige Marsch nach Bethlehem ansteht, wo vorher noch die Arbeit fertig werden muss.
  • Festliche Deko in Haus und Garten? Firlefanz, den Josef nicht mal in Friedenszeiten angebracht hätte. Aber es war nicht Frieden, es war Besatzungszeit. Steuerlast: Dreißig Prozent für den verhassten Kaiser Roms. Dazu das, was der jüdische König und der Tempel haben wollte.

Nicht eines der Klischees unserer Adventsvorstellungen passt auf das junge Paar, und doch ist Advent bei ihnen. Weil Gott zu ihnen kommt. Noch während Maria sich mühsam in ihre neue Rolle als Ehefrau und Mutter hineinfindet, während die beiden sich noch ärgern über Steuern und Volkszählungen, noch während sie sich ducken unter dem Geläster der Nachbarn („Ja, ja, die fromme Maria, schwanger werden vor der Hochzeit, soso!“) – ist Gott schon unterwegs zu ihnen.

Das ist genug, damit Advent wird. Und das ist auch für uns genug.

Advent ist nicht, weil wir religiöse Gefühle oder sentimentale Stimmungen haben. Advent hat gar nichts mit leise rieselndem Schnee und Plätzchen am offenen Kamin zu tun. Advent hängt nicht von meiner Verfassung ab, sondern von Gottes leidenschaftlicher Liebe zu uns.

Er kam damals als Baby Jesus in den harten Alltag von Josef und Maria. Und er kommt auch zu uns, zu Ihnen und mir, in unseren Alltag. Nicht mehr als Baby (Gott sei Dank!), sondern als der starke Heiland, unsichtbar, aber erlebbar.
Eine gesegnete Adventszeit wünscht Ihnen
Ihre Elisabeth Küfeldt

Predigten von Prof. Dr. Peter Zimmerling, Bachwoche Ansbach 2015

Im Rahmen der Bachwoche 2015 hat Prof. Dr. Peter Zimmerling, Leipzig, die hier als PDF zum Download bereitgestellten Predigten in den Andachten „Bach am Morgen“ gehalten:

„Verschiedene Arten von Vertrauen“ – Vortrag von Oswald Bayer im Rahmen der Lutherdekade

Im Rahmen der Lutherdekade hat Prof. Dr. Oswald Bayer, Professor em. für systematische Theologie in Tübingen einen Vortrag in der Schwanenritterkapelle gehalten zu dem Thema: „Vertrauen“. Wir stellen das Manuskript an dieser Stelle zum Download bereit.

Vertrauen bei Luther*, © Oswald Bayer

*Erstvortrag vor der Melanchthon-Akademie Köln am 20. Februar 2014.

 

Reformationsfest 2015

Dekan Hans Stiegler

Dekan Hans Stiegler

„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege!“ Psalm 119,105

Am Ende des Monats Oktober feiern wir als evangelische Christen das Reformationsfest. Ausgangspunkt aller Veränderungen der Kirche im 16. Jahrhundert war das Lesen, Suchen und Studieren Martin Luthers in der Bibel auf der Suche nach dem gnädigen Gott.

Eine der berühmten 95 Thesen, die an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen wurden lautet: „Der wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“

Bis heute gründet unser christlicher Glaube auf den Wahrheiten der Heiligen Schrift. Sie ist eine riesige Schatztruhe voller Weisheit für unser tägliches Leben und Glauben. Leider verzichten immer mehr darauf, diesen Schatz zu heben! Nicht wenige denken, Gottes biblisches Wort habe nur noch Altertumswert, sei weit weg vom realen Leben.

Aber wenn wir allein die gegenwärtig so große Problematik der Flüchtlinge und Asylsuchenden in den Blick nehmen, entdecken wir im AT und NT ungezählte, klare Weisungen, dass wir uns als Christen um diese Menschen zu kümmern haben: Dass wir “… den Fremden und Waisen keine Gewalt tun …“ Jer. 7,6. Dass „… der Herr die Fremdlinge behütet.“ Psalm 146,9. Jesus sagt in seiner Rede vom Weltgericht: „Ich bin ein Fremdling gewesen, und ihr habt mich beherbergt.“ Mt 25,35.

Unsere Bibel ist kein literarisches Werk für das Bücherregal. Sie gehört gelesen, weil sie bis heute mitten ins Leben hineinspricht. Kein Bereich des menschlichen Daseins ist ihr fremd: Zeugung und Geburt, Leben und Tod, Freude und Leid, Arbeit und Feiern, Versöhnung und Wahrheit …

Wer offen ist für neue Impulse und Entdeckungen für den ist die Bibel täglich eine Fundgrube. Mit seinem Wort schenkt Gott uns Wegweisung, Trost und Halt, zeigt Sinn und Ziel unserer Wege. Gott redet bis heute durch sein Wort in diese Welt und auch unser kleines Leben hinein.

Allerdings: Dazu muss man die Bibel schon selbst in die Hand nehmen und darin lesen! Genau das können wir von Martin Luther lernen: Leben mit der Bibel, Diskutieren mit anderen über vielleicht auch strittige Aussagen. In ihr nach Antworten suchen, auch wenn wir nicht alles in Gottes Wort verstehen und begreifen. Vielleicht begreift ein anderer mehr und kann mir dabei zur Hilfe werden.

Das anstehende Reformationsfest am 31.Oktober bietet sich an, das „Buch der Bücher“ mal wieder selbst in die Hand zu nehmen und seine eigenen Entdeckungen für Leben und Glauben zu machen!

Viel Freude dabei wünscht

Ihr Hans Stiegler, Dekan

Unser Grüß Gott für den April 2015

Pfarrerin Elisabeth Küfeldt

Pfarrerin Elisabeth Küfeldt

Monatsspruch für April: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“Mt 27,54

Liebe Leserin, lieber Leser,

in den Evangelien werden viele Wunder geschildert: außergewöhnliche Dinge, die Jesus getan hat, die dann auch ordentlich für Aufruhr gesorgt haben. Immer wieder fragen danach die Leute tief bestürzt „Wer ist dieser Mann?“ Einmal wollen sie Jesus zum (Brot-)König machen, ein anderes Mal regen sich etliche auf, dass er am Ruhetag nicht Ruhe gibt, sondern heilt.

Eine ganz andere Situation umgibt unseren Monatsspruch: Wir stehen mit einem römischen Hauptmann am Fuß eines Kreuzes. Oben, an diesem Kreuz, hängt Jesus, Arme und Beine festgenagelt. Gar nichts mehr kann er tun, es hat sich sozusagen „ausgewundert“. Es ist der erbärmlichste und schwächste Moment im Leben dieses außergewöhnlichen Menschen, als er da so hängt und verendet wie Hunderte vor ihm (und nach ihm) im Römischen Reich – und seltsam: Gerade in diesem Elend ist er so anders, dass der Hauptmann schlagartig erkennt: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“

Was in erstaunlichen Wundern und mitreißenden Predigten für viele verborgen geblieben ist, das erkennt dieser hartgesottene Soldat am Tiefstpunkt der „Karriere“ von Jesus: Hier trifft der Himmel auf die Erde, hier ist der Wendepunkt der Zeit, hier ist Gottes Sohn am Werk, noch in seinem Sterben!

Was ist das für ein Mensch, dem Wind und Wellen gehorchen, der Blinde sehend macht, – der jetzt alle Macht freiwillig daran gibt und als der Unschuldige für die Schuldigen stirbt? Was ist das für ein Gott, der nicht nur in Worten um die Liebe seiner Menschen wirbt, sondern in seinem Sohn selber die Schuld der Menschen auf sich nimmt und bezahlt?

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich in diesen letzten Passionstagen packen lassen von diesen Fragen. Dass Sie an Karfreitag in die Gottesdienste unserer Gemeinde gehen und hinschauen, was der Gottessohn für uns, für Sie getan hat. Und dass Sie an Ostern von Herzen den Sieg dieses Jesus über den Tod mitfeiern können.

Denn tatsächlich ist unser Monatsspruch ein bisschen falsch: Jesus ist nicht der Gottessohn gewesen, er ist’s bis heute, denn: Er lebt!

Herzlich grüßt Sie

Ihre

Pfarrerin Elisabeth Küfeldt

Karfreitag: Jesu Kreuzigung und Tod

Detailbild des Altars im Chorraum

Detailbild des Altars im Chorraum

… und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. » Weiterlesen

Auf ein Wort – von Dieter Fischer

Auf ein Wort

Auf ein Wort

Jedenfalls heißt es von ihm: „Er kam in seine Welt, aber die Menschen nahmen ihn nicht auf“. (Joh. 1,11)

Jesus kann also nachfühlen mit den Asylbewerbern, die seit Anfang November 2012 im Ortsteil Obereichenbach in der eilig umgebauten Grundschule wohnen.

Was begegnet den Menschen, wenn sie auf der Flucht schließlich in Deutschland landen: Aufnahmelager Zirndorf, Befragung, Fingerabdrücke, Unterkunft, Warten, Hoffen, Bangen, Angst vor Polizei und Behörden, Misstrauen. Verlegung in eine andere Unterkunft. Vielleicht in die Schule nach Obereichenbach. Und hier?

Es war ein Glück, dass einige Menschen im Ort von Anfang an wohlwollend auf die Asylbewerber zugegangen sind, andere reden wohlwollend über sie. Auch das ist ein Glück. Ja, manche reden von „unseren Asylanten“. Schließlich haben sie so einiges miteinander erlebt! Da war das Bangen um die zwei serbischen Familien, ob sie bleiben dürfen. Nein, noch vor Weihnachten wurde ihnen der Ausreisetermin zugeschickt. Wenn nicht, droht die Abschiebung. Dann Verabschiedung im Asylantenheim mitten in der Nacht: Hilflosigkeit, Tränen, Umarmung zwischen Muslimen und Christen. Wieder auf der Flucht! Zurück. Mit den Kindern. Jesus war auch als Baby schon auf der Flucht. Roma waren sie. Das war ihr „Fehler“. Was hilft es ihnen, dass am 24.Okt. 2012 in Berlin eine Gedenkstätte für die 5.000.000 im Dritten Reich ermordeten Sinti und Roma für 2,8 Mill. Euro enthüllt wurde? Sie dürfen nicht vergessen werden, ja! Aber wie gehen wir heute mit ihnen um? Der Einsatz für die ca 50 Asylbewerber geht weiter. Arztbesuche müssen organisiert werden, Kontakt zur Güllschule muss gehalten werden, man braucht Übersetzer für die z. Zt. fünf verschiedenen Sprachgruppen, ein Sprachtraining zweimal in der Woche läuft, Hausaufgaben, Spielzeiten für Kinder sind nötig, Sachspenden werden entgegengenommen und verteilt, Zusammenarbeit mit dem Sozial- und Ausländeramt wird geübt und die Oberbürgermeisterin hat ihre Hilfe zugesagt. Seit Januar 2013 arbeitet auch eine Sozialarbeiterin als Halbtagskraft im Heim.

Die ehrenamtlichen Helfer sind nicht nur hineingeworfen worden in eine plötzliche Ausnahmesituation, sondern wurden konfrontiert mit dem „Asylrecht“, diesem geheimnisvollem Paragraphen-dschungel, das von außen gesehen manches Unrecht beinhaltet. Laut einem Radiobericht gab es 2007 19.000 Asylanträge, 2012 waren es aber 63.000 Asylanträge, wobei die Zahl der Mitarbeiter aber gleich geblieben ist. Manche Asylbewerber warten deshalb 2 Jahre auf ihren Bescheid. Nur Sinti und Roma werden „bevorzugt“ nach Hause geschickt. Aber das ist es ja, was die Flüchtlinge suchen: ein „Zu Hause“! Sonst wären sie nicht zu uns gekommen.

Wie stehen wir als Christen dazu, wenn uns die Bibel in 3.Mose 19,34 sagt: „Der Fremde soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, euer Gott“. Das wurde den Israeliten damals gesagt. Heute nicht mehr gültig? Heute gilt das Asylgesetz? Nicht nur das Schicksal der Asylbewerber macht sehr, sehr traurig – die traumatischen Erlebnisse durch Verfolgung, Diskriminierung, Misshandlung, Erniedrigung werden aber selten erzählt – sondern unsere Asylpolitik macht traurig, hilflos, wütend.

Dieter Fischer

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