Grüß Gott – von Pfarrerin Elfriede Raschzok

Pfarrerin Elfriede Raschzok

Pfarrerin Elfriede Raschzok

„Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.“ (Psalm 130,6)

Warten bis endlich der Heilige Abend da ist, der Gottesdienst gemeinsam besucht wurde und die Tür zum Weihnachtszimmer mit Krippe, Baum und Geschenken offen steht: Solches Warten in vorfreudiger Aufregung und Spannung haben wir mit unseren Kindern erlebt, als sie klein waren. So oder ähnlich erleben es Kinder mit ihren Eltern und Großeltern auch heute. Damit die Zeit des Wartens für die Kinder schneller vorüber geht, werden Tag für Tag ein Türchen oder Tütchen am Adventskalender geöffnet, vielleicht auch eine Geschichte auf dem Weg zu Krippe gelesen und gesungen: „Wir sagen euch an den lieben Advent,  … . Wir sagen euch an eine heilige Zeit, … Freut euch, ihr Christen, freuet euch sehr! Schon ist nahe der Herr.“

Im Kirchenjahresfestkreis ist die Adventszeit eine vielfältige Wartezeit. Die Kirchenfarbe „violett“ zeigt die Spannung, in der wir Christen auf Gottes Kommen warten.

Wir warten auf den Heiligen Abend, an dem wir Gottes Erbarmen in Jesus, dem Kind in der Krippe feiern und mit in den Jubelruf der Engel einstimmen.

Wir warten aber auch voller Sehnsucht, dass Jesus Christus wieder kommt und mit ihm Gott und diese Welt von Grund auf neu und heil macht. „Maranatha, komm Herr Jesus“, so der flehentliche Bittruf zu Jesus Christus seit der frühen Kirche. Oder mit den Worten von Friedrich Spee : „O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, … Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.“

Und wir bitten Gott, dass er jetzt, heute, durch seinen Heiligen Geist das dunkle Herz hell macht, dass Menschen unheilvolle Gedanken überwinden und einander zum Guten helfen. „Komm in unsere stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben. Überwinde Macht und Geld, lass die Völker nicht verderben. Wende Hass und Feindessinn auf den Weg des Friedens hin.“ So Hans von Lehndorff in einem Lied unserer Tage.

„Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.“

Die Worte aus Psalm 130 sind von großem Leid und zugleich von tiefer Hoffnung durchtränkt. Sie sprechen Menschen aus der Seele, die von Leibes- und Herzensschmerzen gebeutelt sind, von Selbstvorwürfen und Schuld, die auf ihnen lasten. In dieser Not schreien sie zu Gott und erwarten seine Hilfe: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens! Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen? Doch bei dir ist die Vergebung, damit die Menschen dir in Ehrfurcht begegnen.“ So die ersten Verse dieses Psalms. Er gehört zu den sieben Bußpsalmen (Ps 6; 32; 38; 51; 102; 130; 143), die in der christlichen Kirche schon seit dem 6. Jahrhundert als solche verwendet wurden.

Je mehr ein Mensch im Glauben Gott in seiner Treue und Jesus Christus in seiner Hingabe für ihn erkennt, desto mehr wird er die eigenen erlösungsbedürftigen Seiten wahrnehmen und Gott danken für sein Erbarmen in Jesus Christus, für den angebrochenen hellen Morgen in ihm.

„Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.“

Gott möge das wartende Herz beschenken mit seiner Gegenwart und im Gang zur Krippe das Heil seines Erbarmens schauen lassen.

Dorothee Sölle, die verstorbene evangelische Theologin, schreibt: „Es ist am Kreuz, wo wir das Licht zuerst sehen, nicht wenn wir geboren werden oder wenn wir das Meer oder die Sterne zum ersten Mal anschauen. Es ist am Kreuz, in der Mitte des Kampfes, wo wir das Licht erfahren und frei von unseren Ängsten werden. Die Last der Sünde, unsere Machtlosigkeit in der Entfremdung rollt von unserem Herzen; dort am Kreuz, wo Liebe gegen Gewalt kämpft, empfangen wir die Perspektive für unser Leben. Wir lernen uns als Kämpfende und als Leidende anzunehmen, das Licht ist bei uns.“

Ich wünsche Ihnen eine von Gottes Licht erfüllte Advents- und Weihnachtszeit,

Ihre Pfarrerin Elfriede Raschzok